Kind Herz Angst Freude Liebe

Das Herz

 

In der Uniklinik. Kardiologie. Es war stockfinster. Wir waren Pimpfe im Alter von drei bis sechs Jahren, die warteten, daß sie drankamen. Alle Kinder waren mit Unterhosen bekleidet und barfuß. Wir froren. Ein paar von den Kleinen weinten. Als mein Name aufgerufen wurde mußte ich ein Treppchen hochsteigen und wurde zwischen zwei kalte Scheiben gepreßt. Eine Frau im weißen Kittel wies mich an, daß ich ganz ruhig stehen bleiben und mich nicht bewegen sollte und nicht atmen.

Es wurde mir ins Innere geleuchtet, ob ich ein gutes oder schlechtes Herz hätte. Meine Unterhose rutschte. Ich hatte Angst, doch wollte ich nicht weinen, ich war ja eine von den Großen im Raum. Als ich ganz und gar durchleuchtet war durfte ich wieder runter auf den Boden steigen. Eins von den Kindern weinte ganz jämmerlich. Ich versuchte es zu trösten und sagte: „ Es tut nicht weh, es ist nur kalt.“ Als ich wieder raus ans Licht kam, war meine Mutter ganz stolz, daß ich nicht geweint und keine Theater gemacht hatte.

Vielleicht war meine Mutter auch froh, daß ich doch kein so schlechtes Herz hatte, wie vermutet. Wir fuhren dann mit dem Zug wieder nach Hause.

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